Bericht Teil 2
20.10.04 Mein Name ist Jean Pierri Antonio da Silva. Mein Geburtsdatum ist der 19.02.89, ich bin 15 Jahre alt.
Meine Eltern haben in der Kirche geheiratet. Sie sind aus Caruaru, aber sind im Gefängnis wegen einer Sache mit Marihuana.
Ich habe nur noch eine Großmutter, die andere ist schon gestorben. Ich habe nur 2 Geschwister, einen Bruder haben sie umgebracht. Wegen einer Sache mit meinem Vater. Er hat’s mit einer Nutte getrieben, und meine Mutter hat gesagt, sie würde sie umbringen. Die Nutte hat einem Typen einen Fernseher und einen Haufen Drogen gegeben, und der hat dann zwei Jungen umgebracht, einer davon war mein Bruder. Er hat sie zerstückelt, Arme und Beine abgeschnitten, als würde er Fressen für einen Hund machen. Es hat noch ein anderer Kerl geholfen.
Mein Vater ist seit 2000 im Gefängnis. Ich war 12 Jare alt damals, und er hat 7 Jahre gekriegt, meine Mutter 4. Er ist zwischendurch mal rausgekommen, aber musste wieder zurück, weil er die Auflagen nicht befolgt hat.
Früher hab ich bei meinen Eltern gewohnt, als ich noch keine Drogen genommen hab’. In unserem Haus gab es 2 Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche; meine Grossmutter wohnt immer noch dort. Das Haus ist im Viertel Salgado in Caruaru.
Jetzt habe ich keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern und sehe meine Großmutter einmal die Woche, manchmal weniger. Ich schlafe bei Bekannten oder manchmal im Stadtzentrum, auf den Grünflächen.
Ich bettle, um zu essen, stehle nicht mehr. Ich hab’ schon vom Stehlen gelebt, aber auf dem Markt wimmelt es von Polizisten.
Meine Familie stammt aus Recife, hier hab’ ich wirklich nur meine Grossmutter. Sie ist in Rente, erhält einen Mindestlohn vom Staat.
Ich habe die erste und zweite Klasse in einem speziellen Programm der Regierung innerhalb eines Jahres gemacht, mehr nicht. Ich kann die Hälfte von meinem Namen schreiben, lesen kann ich nicht.
Jeden Tag schnüffle ich Kleber, und wenn es welches gibt, rauche ich Marihuana. Ich schnorre immer die Leute an, irgendwie kriegt man das Geld schon zusammen.
Mit den Drogen hab ich mit 13 angefangen, als ich auch angefangen hab’, auf der Straße zu leben.
Ich war schon zweimal im Jugendgefängnis, weil ich auf dem Markt geklaut hab’, also hab’ ich mir das abgewöhnt.
Ich hatte eine Freundin, wir waren 3 Jahre und 8 Monate zusammen. Sie ist 16 Jahre alt und erwartet ein Kind von mir. Aber sie will mich nicht mehr, hat Sachen mit anderen Typen laufen. Einmal sagt sie, das Kind ist von mir, ein anderes Mal sagt sie, es ist von einem anderen.
Seit fast 3 Jahren komm ich ins Straßenhaus, ich mag die Mitarbeiterinnen sehr, es gibt jeden Tag Frühstück, Graffiti, eine Dusche…
Das Straßenhaus hilft mir, normalerweise will niemand jemandem helfen, der auf der Straße ist.
Ich bin einerseits gern auf der Straße, aber andererseits hätte ich auch manchmal gern ein Zuhause, weil es auf der Straße Typen gibt, die hinter uns her sind.
Ich mag Capoeira, Fussball… Ich würde gern wieder Capoeira machen, aber das kostet Geld. Ich müsste auch eigentlich eine Operation machen lassen an der Bauchdecke. Meine Mutter hat mich vor ein paar Jahren mal deswegen mit ins Krankenhaus genommen, aber der Arzt hat gesagt, ich bräuchte Geld für die OP.
Ich würde gern arbeiten, lernen… aufhören zu Marihuana zu rauchen, Kleber zu schnüffeln, käme gerne von der Straße runter und würde gerne eine Familie gründen.
Ich wäre gern ein guter Vater, wünsche nur Gutes für meinen Sohn oder meine Tochter, will, dass sie in die Schule gehen, nicht so sind wie ich.
Ich habe Angst so zu sterben wie mein Bruder, und ich weiß, dass das passieren kann, wenn ich auf der Straße schlafe.
Ich hab’ auch Angst vorm Jugendgefängnis. Wenn ich dort reinkomme, wird mich ein Haufen Keberschnüffler da drin verprügeln.
Die Regierung müsste helfen die Kinder von der Straße zu holen…
Was mein Wunsch ist? Ich würde gerne meine Mutter in Recife im Gefängnis besuchen, aber das ist ziemlich weit…